Die Geschichte des Wagner Cups - Teil 5

WM 2022: Eine Qata(r)strophe

Schon die Vergabe der Fußball Weltmeisterschaft 2022 nach Katar löste bei Fußball-Fans allgemeines Kopfschütteln aus: Keine Fußballtradition, brütende Wüstenhitze und ein fragwürdiger Umgang mit Menschenrechten in den Emiraten. Bei der Errichtung der benötigten Stadien bestätigten sich Bedenken bezüglich Nachhaltigkeit und Arbeitsbedingungen zigtausender Arbeiter aus Afrika und Asien. Das vergleichsweise kleinere Problem des für Fußball ungeeigneten Klimas im Wüstenstaat wurde durch eine Verschiebung des Turniers in den Dezember abgeschwächt. Dies sorgte allerdings für Verwirrungen im Biorhythmus europäischer Fußballfans, welcher über viele Jahre auf Grillen und Badehose zum Großereignis konditioniert wurde.

Die Tippgemeinschaft des Wagner Cups war sich folglich nicht sicher inwiefern man sich auf dieses Ereignis freuen soll, was sich in einem Rückgang der Teilnehmerzahlen bemerkbar machte. Auch die Motivation der Wagner Cup Veranstalter schien etwas gedämpft, die Vorbereitung diesmal, wohl auch wegen der Jahreszeit, auf Sparflamme, was sich schon bald rächen sollte.

Der Redaktion liegen geleakte Chatprotokolle vor, die angeblich zwischen den Organisatoren des Tippspiels stattfanden. Diese Chats zeigen wie hinter den Kulissen ein beunruhigendes Maß an Chaos und Verwirrung weitreichende Entscheidungen, die über Triumph und Blamage entscheiden, maßgeblich beeinflussen.

Wir schreiben den 17. November 2022, knapp drei Tage vor dem Eröffnungsspiel, das den Annahmeschluss für den Wagner-Cup markiert. Die Einladung für das Tippspiel ist längst ausgeschickt und die ersten Tipps sind schon eingelangt. Um 22:56 Uhr kommt die Nachricht im Chat, die wie eine Bombe einschlägt: "Achtung: auf der Website und im Tipp Formular stehen unterschiedliche Punktesysteme."
 
Der darauffolgende Chatverlauf zwischen 22:56 und 1:26 Uhr:


Was war geschehen? Die Generalüberholung des Punktesystems zwei Jahre zuvor für den Wagner Cup zur Euro 2020 wurde intern als großer Erfolg verbucht, weshalb das Punktesystem selbstverständlich auf der Website unverändert blieb — ohne Rücksicht auf Unterschiede zwischen EM und WM. Komplett anderer Modus? Spiel um Platz 3? Who cares! Für das Tipp Formular wurde hingegen natürlich das Excel File von 2018 als Template genommen. Immerhin gibt es ja wichtige Unterschiede zwischen den EM- und WM-Modus! Das veraltete Punktesystem von 2018 wurde dort selbstverständlich weitergeführt und auch das Auswertungstool von damals übernommen.

Nach kurzem virtuellen Handgemenge galt es einen professionellen Umgang mit der Situation zu finden:
X: "Das schaut sich eh keiner an."
G: "Doch. Ich kenn' zwei, die rechnen mit. Und es spielen viele Juristen mit!"
C: "Möge der beste Winkeladvokat gewinnen!"
X: "Ich hab Euch gesagt, wir brauchen eine Klausel in den AGB, dass wir machen können, was wir wollen"
C: "Wir halten uns einfach an die obersten FIFA Prinzipien: Intransparenz und Korruption."

Der Vorschlag, die Festlegung des Punktesystems an den Höchstbietenden zu vergeben, wird dann allerdings doch verworfen. Über die nächsten zwei Tage oszillieren die Chat Nachrichten zwischen ausführliche Analysen über Vor- und Nachteile der verschiedenen Varianten in der Gewichtung von Bonuspunkten und "Mir ist alles Recht". Irgendwann können sich die Veranstalter aber doch auf eine Lösung einigen. Möge der beste Tipp gewinnen. Oder auch nicht. "Hauptsache wir haben irgendwas Einheitliches."

Drei Stunden vor Start des ersten Spiels werden die Tipper auch über das neue offizielle System in Kenntnis gesetzt. Genug Zeit für Erfahrene Wagner-Cup Teilnehmer die spieltheoretischen Optimalitätsbedingen ihrer Tipp-Strategie zu überprüfen und ihre Tipps noch zu adaptieren. Überraschenderweise macht jedoch niemand von dieser Option Gebrauch.

Damit stand einem reibungslosen Wagner-Cup — es kam zu keiner Anfechtung — nichts mehr im Wege.

Der verzeichnete Teilnehmer Rückgang hat der Qualität der Vorhersagen keineswegs geschadet. Während bei den Buchmachern Brasilien die niedrigsten Wettquoten auswies, ging Argentinien laut Wagner Cup Experten als Top Favorit ins Rennen. Sowohl Argentinien als auch Frankreich wurden am öftesten als Finalisten vorhergesagt.

Die Weltmeisterschaft selbst wird wohl als eine der besseren und vor allem unterhaltsamsten in Erinnerung bleiben. Die notgedrungene Verlegung in den Winter hatte den positiven Effekt, dass die Spieler voll im Saft standen, anstatt wie üblich ausgelaugt am Ende einer langen Saison anzureisen.
Der Spannungsbogen war natürlich geprägt von Messis "last dance". Gelingt es ihm seine einzigartige Karriere mit den vermeintlich wichtigsten Titel – dem einzig fehlenden in seiner unglaublichen Sammlung – zu krönen? Die Realität hielt sich an das Drehbuch.

Während die Fußballwelt weiterzieht, bleibt der Punktesystem-"Skandal" ein denkwürdiger Teil unserer Tippspielgeschichte – ein Mahnmal dafür, dass manchmal die wahre Kunst darin liegt, Chaos als Chance zur Veränderung zu nutzen. Bleibt gespannt, was wir uns für die nächste Fußball-Großereignisse ausdenken.


In den geleakten Chats war die Notwendigkeit einer weiteren Veränderung des Punktesystems schon am Abend des WM Finales jedenfalls so gut wie beschlossen:
C: "Wir müssen was ändern. Kann's ja nicht sein, dass wir alle den richtigen Weltmeister haben und keiner was gewinnt "
G: "Wir machen das nächste Mal Abzüge für richtigen Vize-WM."
X: "Jeder Nachname bekommt einen Punkte-Koeffizienten. Wagner hat den höchsten..."

Vielleicht kehren wir auch einfach zum guten alten Münzwurf zurück.

Verdienter Sieger des Wagner Cups: endlich wieder mal einer, der Ahnung vom Kicken hat. Christian Tröster. Herzlichen Glückwunsch!


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